Archäologische Methodik am Beispiel einer Münze

Eine Münze aus der Zeit Karls des Großen erzählt uns, wann die karolingische Marienkirche frühestens entstanden ist.
Für Archäologen ist ein Fundstück nur dann verwertbar, wenn der Fundzusammenhang bekannt ist. Eine Scherbe oder Münze ist als Objekt, losgelöst von jeglichem Kontext, kaum noch als historische Quelle verwertbar. Wir wollen herausfinden, was, wann, warum und von wem getan wurde. Das gelingt nur, wenn wir genau wissen, an welcher Stelle eines Gebäudes, Grabes, Brunnens oder Werkplatzes Gegenstände verloren gingen, weggeworfen wurden oder absichtlich deponiert wurden.

DenarKarls_Domgrabung

Ohne Zusammenhang würde diese Münze aus Aachen lediglich belegen, dass zur Zeit Karls des Großen in Aachen Geld verloren wurde. Die Münze wurde nun aber bei den laufenden Grabungen der Stadtarchäologie unter dem Dom gefunden. Sie kann durch Spezialisten (Numismatiker) in die Zeit nach 794 datiert werden. Die archäologische Aussage ist also: Die karolingische Marienkirche war frühestens nach dem Jahr 794 fertiggestellt – zumindest war der Fußboden vor diesem Jahr noch nicht verlegt worden.

Jüngste Grabungen der Stadtarchäologie erbrachten nun für den nördlichen Anbau des Doms (Nordannex) den Beweis, dass dieses Bauwerk tatsächlich in karolingischer Zeit entstanden ist. Drei winzige Tonscherben aus dem 8. Jahrhundert, also der karolingischen Zeit, wurden unter dem Mörtelfußboden (Estrich) entdeckt. Wären diese Scherben nur wenige Zentimeter von dieser Fundstelle entfernt gefunden worden, hätten sie nichts zur Geschichte dieses Bauwerks beigetragen. So aber zeigen sie uns, wann es frühestens entstanden sein kann.

Während die genannte Münze zweifellos auch einen gewissen materiellen Wert darstellt, sind die Scherben als Objekte natürlich wertlos. Ihr wahrer Wert liegt in den Zusammenhängen, die sich durch sie herstellen lassen: Die Zusammensetzung des Tons ermöglicht es festzustellen, dass die Scherben zum Teil aus dem mittleren Maasgebiet und aus dem rheinischen Vorgebirge stammen. Dadurch lassen sich Handelskontakte der karolingischen Bewohner Aachens rekonstruieren.